Hannes’ Blog

flattr – ein Social Media-taugliches Micropayment System?

Inzwischen stößt man auf immer mehr Webseiten auf das flattr-Widget – so auch in diesem Blog. Das Widget besteht aus dem flattr-Logo/Schriftzug und einer Zahl – oder alternativ den Worten “flattr this!”. Was es damit auf sich hat, beschreibt dieses Video recht gut:

Zusammengefasst

Jeder flattr-Nutzer zahlt monatlich einen bestimmten Betrag an flattr und kann dann bei allen bei flattr gemeldeten Inhalten auf das oben genannte flattr-Widget klicken. Am Ende jedes Monats wird der Montasbeitrag zu gleichen Teilen an die Urheber der jeweiligen Inhalte aufgeteilt. Der monatliche zu vergebende Betrag ist zwischen 2€ und 100€ frei wählbar. Eigene Inhalte kann jeder flattr-Nutzer eintragen und somit Klicks und damit auch Geld von anderen flattr-Nutzern bekommen.

Zahlen auf freiwilliger Basis

flattr ist somit eine Umsetzung der häufig von Kreativen geforderten freiwilligen Micropayment-Systeme. Jeder kann etwas zahlen, muss aber nicht. Außerdem kann jeder den Betrag zahlen, den er entbehren kann oder den er bereit ist, für die Inhalte auszugeben. Außerdem beruht das System natürlich darauf, dass nicht Einzelne die Inhalte mit großen Beträgen tragen (wie in den klassischen Medien, wo z.B. eine Zeitung einen Journalisten für einen Artikel oder ein Foto entlohnt), sondern sich die Summe aus vielen kleinen Beträgen von vielen Menschen bildet. Je nachdem, wen man mit seinen Inhalten anspricht bekommt man als kreativ Schaffender daher viel oder wenig Geld. Der Wunsch ist natürlich immer, dass Leute bereit sind mehr zu zahlen, wenn die Zahlung freiwillig ist.

Die Realität

In der Realität sieht das alles noch ein bisschen anders aus. Im Falle von flattr lässt sich das darauf zurück führen, dass der Service noch sehr neu und unter den meisten Internet-Nutzern noch völlig unbekannt ist. Außerdem ist der Service noch in einer halb geschlossenen Beta-Phase, so dass noch keine freie Anmeldung möglich ist, sondern man eine Einladung eines anderen Nutzers benötigt. Aber ich denke, dass trotzdem schon Tendenzen zu erkennen sind.

Schaut man sich die bei flattr eingestellten Inhalte an, fällt auf, dass das Chaosradio und netzpolitik.org seit Wochen unangefochten die “Charts” mit den höchsten Klickzahlen anführen, während bei sehr vielen Inhalten der Zähler nach wie vor auf Null steht. Es scheint also, dass sich die Geldbeträge schwerpunktmäßig auch hier wieder auf wenige Inhalte verteilen.

Ein weiteres Problem sehe ich darin, dass es schwer ist, Inhalte zu gewichten. Wenn ich also einen Inhalt “flattre”, kann ich das weder rückgängig machen, noch kann ich ein zweites mal klicken und den Inhalt erneut flattrn. Vielleicht möchte ich aber im gleichen Monat einer großartigen Website, die ich täglich lese, mehr zukommen lassen, als einem mir völlig unbekannten Blog, der nur ein witziges Video von seinem Wochenendtrip zeigt. Dazu habe ich bei flattr keine Möglichkeit.

Was ich außerdem nicht einschätzen kann, ist die Anzahl der Leute, die sich bei flattr anmelden um zu zahlen – und nicht um zu empfangen. Was am flattr-Prinzip super ist, ist dass jeder der empfangen will auch zahlen muss. Somit machen es die (meist auch Inhalte-produzierenden) Early Adopter den anderen vor, und fangen an selbst zu flattrn. Dennoch tauchen auf der Seite natürlich nur die Inhalt-Produzenten auf, jemand der nur zahlt ist für die anderen Nutzer unsichtbar. Das Verhältnis von Zahlenden zu Empfangenden ist somit schwer einschätzbar. Super wäre eine Statistik seitens flattr, die anzeigt welcher Prozentsatz an Nutzern bereits eigene Inhalte eingetragen hat. Das würde zwar keine verlässliche Zahl bringen, in meinen Augen aber eine Richtung anzeigen, wie viele Nutzer sich ausschließlich zum Bezahlen anmelden – und ich weiß, dass es solche Nutzer gibt. Nach meiner Ansicht wäre der Anteil dieser Leute eine sehr interessante Zahl, die evtl. etwas über die Qualität eines solchen Services aussagen könnte.

Vergleich und Aussicht

Die Idee mit dem “freiwilligen Bezahlen” ist nicht neu. Zu Schulzeiten habe ich auf Schulbandfesten damit beste Erfahrungen gemacht. Eltern, Großeltern und Verwandte – also Leute die eine enge Beziehung zu dem Projekt hatten – haben immer gerne Beträge gezahlt, die als Eintritt eine Unverschämtheit gewesen wären. Im Endeffekt kam bei solchen Veranstaltungen immer mehr in die Kasse, als wenn feste Beträge für Eintritt und Essen vorgegeben wurden. Auf reinen Schülerpartys sah die Sache dann schon wieder ganz anders aus.

Auch im digitalen Bereich ist das System nicht neu. Oft helfe ich Freunden und Bekannten bei irgendeiner Sache am Rechner / mit dem Server oder mit einer kleinen Bildretusche aus. Die Frage “Was schulde ich Dir?” beantworte ich dann natürlich immer mit “Nichts!” – denn ich möchte kein Geld von meinen Freunden. Wenn dann ein “Doch, unbedingt, sonst hab ich ein schlechtes Gewissen!” folgt, habe ich mir angewöhnt, den Link zu meinem Wunschzettel auf amazon zu schicken. Die Aussage dahinter ist: “Ich will kein Geld von Dir, aber mit diesen Dingen kannst Du mir eine Freude machen.”

Der angenehme Nebeneffekt ist, dass jeder sich in dem Umfang “bedanken” kann, den er für richtig hält. Oder – anders ausgedrückt – jeder der zahlen will, zahlt das, was ihm die Hilfe wert war. Die Erfahrungen damit sind eindeutig und Bizarr: Die Leute mit dem geringsten Budget machen teilweise Geschenke, bei denen ich das schlechte Gewissen bekomme – die Leute mit dickem Auto und Geld wie Heu nehmen das “nichts” sehr wörtlich. Aber das muss man dann auch akzeptieren – so ist das mit der Freiwilligkeit. Wundern darf man sich über die geizigen Reichen übrigens auch nicht: Man wird schließlich nicht von dem Geld reich, was man verdient, sondern von dem, was man nicht ausgibt.

Ich bin gespannt, wie sich flattr entwickelt. Bei mir geht dort bislang wenig bis gar nichts. Wie sieht das bei Euch aus? Habt Ihr schon Erfahrungen damit gesammelt? Seid Ihr schon dabei? Wenn nicht – würde es Euch reizen? Was haltet Ihr von dem System?

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Dieser Beitrag wurde am Sonntag, 20. Juni 2010 um 20:32 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie review, Sonstiges, web, web2.0 abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen, oder einen Trackback von deinem Weblog zu senden.


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10 Kommentare »

  1. Kluge Gedanken zum Thema, die ich teile. Im Moment ist es wohl noch kaum abzusehen, wohin die Reise gehen wird, ich denke man muss abwarten, bis Flattr aus der Betaphase herausgeht und offiziell launcht und ob es sich durchsetzen kann.

    Bin jetzt gerade 2 Tage dabei und habe mal etwas eingezahlt zum Testen und bin gespannt, was am Ende dabei herauskommt. Jedenfalls gefällt es mir gut, ohne vorheriges Rumrechnen und Überlegen (was ist mir dieser Beitrag wert, was jener?) einfach klicken kann, wenn mir etwas gefällt – so wie hier.

    Kommentar: Konna – 20. Juni 2010 @ 20:42

  2. OK, da nun bereits zwei Leute den Button unter dem Text hier gedrückt haben, darf ich nicht auch noch, oder? Ich meine: zweimal! Das ist ja quasi schon Mainstream.

    (Ich gönn’ mir den Spaß mal trotzdem.)

    Kommentar: Señor Rolando – 20. Juni 2010 @ 21:03

  3. Ich fände es toll, wenn sie die Beta möglichst bald beenden könnten. Wenigstens als Nur-Zahler sollte sich jeder schon anmelden können – das würde dem System schon gut tun und ein bisschen Schwung in die Sache bringen.

    Außerdem wünsche ich mir als bisher Nur-Zahlende, dass ich in meinem Profil oder auch in anderen Profilen veröffentlichen kann, welche Werke ich unterstützt habe. Ganz nach dem Motto “Tue Gutes und rede darüber” denke ich, dass so eine Funktion die Spendenbereitschaft erhöht.

    Das System finde ich ansonsten super, es gibt so viele hilfreiche, gehaltvolle, inspirierende, witzige Dinge im Netz so ganz kostenfrei zu haben. Da habe ich mir schon häufig eine Möglichkeit gewünscht, die Urheber zu unterstützen bzw. meine Dankbarkeit zu zeigen.

    Kommentar: joblerone – 20. Juni 2010 @ 21:06

  4. Ich bin bei flattr dabei, hab auch eigene Inhalte drin, die allerdings noch niemand geklickt hat, weshalb sie auch noch nicht bei flattr erschienen sind. Das ist aber auch aktuell nicht mein primäres Ziel bei flattr. Ich sehe nicht so sehr das Problem, dass man die Beiträge nicht gewichten kann, da ich prinzipiell (sofern möglich) nur einzelne Artikel/… flattere und nicht pauschal ganze Websites. Dadurch bekommt automatisch das Blog, das ich viel lese, mehr ab als das Blog, bei dem ich nur über einen einzelnen Artikel gestolpert bin. Was ich etwas mehr als Problem sehe, ist, dass sehr viel Geld auf der Strecke bleibt bei Diensten wie PayPal oder auch flattr selbst, da vermutlich einige nicht so schnell auf die 10 Euro kommen werden, die derzeit minimale Auszahlung. Von daher sehe ich das ganze eher als Experiment, wie so etwas in Zukunft laufen könnte als als eine wirkliche Lösung an.

    Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass das ganze vielleicht wirklich von den Banken selbst realisiert würde, und man z.B. mit einem Browser-Plugin maschinenlesbar in die entsprechende Webseite eingebettete Bankverbindungen sammeln kann und dann am Ende entweder automatisch oder manuell Geld auf die entsprechenden Empfänger verteilen kann und das dann bei seiner Bank automatisiert als Überweisung eintragen und dann (nach den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen) abschicken kann

    Kommentar: Michael Hamann – 20. Juni 2010 @ 21:09

  5. Ich finde flattr absolut genial! Meine Artikel auf meinem Blog wurden aber auch noch nicht sonderlich oft geflattert…ich darf mich lediglich über 5 flattr-Points freuen!

    Mark Seibert sagte mal schön: flattr ist Sozialismus 2.0 :-D

    …und wesentlich angenehmer als nerviges AdSense

    Kommentar: Nils Exner – 20. Juni 2010 @ 21:12

  6. Nachfrage zum weiteren Verständnis, nochmal allgemein:

    Muss man den Betrag, der zu verteilen ist, eigentlich am Anfang des Monats festlegen oder erst am Ende, wenn man weiß, auf wieviele Beiträge sich der Betrag aufteilt?

    Eine weitere Frage: Wo liegt die Gewinnschöpfung für das Unternehmen? Wieviel Prozent des monatlichen Betrages gehen ab für Flattr selbst?

    Prinzipiell finde das Konzept auch sehr gut. Man kann es nicht als wirkliche Entlohnung sehen, da müsste eine konkrete Einstellung des Betrags pro Beitrag mitspielen, aber einem ‘Gefällt mir’ auch noch einen kleinen monetären Bonus zu spendieren, finde ich super.

    Kommentar: Tobias – 20. Juni 2010 @ 21:21

  7. @Tobias: Der Betrag wird im Interface über einen Schieberegler eingestellt, den Du immer verstellen kannst. Ich schätze mal, das geht auch “rückwirkend” am Ende des Monats. Habs selber noch nicht getestet, aber so les ich das aus https://flattr.com/support/faq

    Aus der gleichen Quelle hab ich auch entnommen, dass flattr selbst eine Gebühr von 10% der Einnahmen für sich beansprucht (was ich als recht viel empfinde, aber das ist Ansichtssache). Außerdem hat Michael in seinem Kommentar natürlich Recht: Dadurch, dass erst ab 10€ ausgezahlt wird, bleibt natürlich auch ein nicht irrelevanter Betrag bei flattr liegen…

    Kommentar: Hannes – 20. Juni 2010 @ 21:28

  8. Wegen Auszahlung ab 10€: Stimmt, darüber finanzieren sich ja’ne Menge Treuhanddienste. Da liegen doch ganz schöne Geldsummen rum und arbeiten für sich.

    Kommentar: Tobias – 20. Juni 2010 @ 21:33

  9. Ich habe den flattr-Button auch implentiert, weniger aus der Motivation damit “Geld zu verdienen”, als eher so ein Projekt zu unterstützen. Ich selbst zähle mich zu den Leuten mit wenig Einkommen, kurz Student, finde aber solche Projekte wichtig für diese moderne Welt. Wieso sollte ich nur meine Freunde nach ihrer Hilfe “bezahlen”, wenn wildfremde mir mittels ihrer Texte auch geholfen haben!? Ich finde es genial, es sollte gefördert werden. Deswegen: flattred und stellt die Buttons auf eure Blogs…

    Dass man den Betrag nicht differenzieren kann, finde ich gar nicht so schlimm. So wird es wenigstens nicht zu komplex.

    Kommentar: Julian – 21. Juni 2010 @ 17:04

  10. Was mir noch aufgefallen ist:

    Der Bereich, in dem flattr überwiegend angekommen ist, ist die Blogosphäre. Es wimmelt nur so von Texten bzw. Blogartikeln, während die anderen möglichen Inhalte (Bilder, Video, Audio, Software, Sonstiges) in weitaus geringerer Zahl zu finden sind.

    Sehe ich das alleine so? Oder seht Ihr das auch so? Ich hab mal ne Umfrage dazu gemacht. Ich würde mich freuen, wenn Ihr mitmacht: http://twtpoll.com/f9fqo0

    Außerdem: Was sind die Gründe, warum Ihr ggf. bestimmte Inhalte nicht flattr’t? Einfach nur, weil sie nicht oder selten auftreten, oder auch weil Ihr flattr für diese Dinge als ungeeignet betrachtet?

    Kommentar: Hannes – 27. Juni 2010 @ 20:07

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