Hannes’ Blog

Auslaufmodell Weihnachten

Freitag, 15. Dezember 2006 von Hannes

3 Gründe, warum unser klassisches Weihnachten flöten geht:

- Da sind zum einen die Weihnachtsbräuche. Es gibt deutsche Weihnachtsbräuche. Oder besser gesagt: es gab sie. Denn heute kennt sie keiner mehr – da nehme ich mich nicht aus. Statt dessen sieht man überall erhängte Weihnachtsmänner an den Fassaden baumeln und absolut discotauglich beleuchtete Tannenbäume in den Vorgärten um die Wette blinken. Irgendwann hat man mal ‘Schneeglöckchen, weiß’ Röckchen’ gesungen, heute plärren einem alle Kinder ‘Rudolf se Rädnoose Raindeer’ und ‘Ool ei wont for kristmes iss iuu’ im Maria Carey Style entgegen. Nicht, dass ich was gegen amerikanische Weihnachtslieder hätte – ganz im Gegenteil mag ich sie bedeutend lieber als die deutschen – aber dann bitte nicht so. Denn erstens kann man ja das Repertoire ergänzen und muss es nicht austauschen und zweitens haben die Amis deutlich mehr als diese zwei Weihnachtslieder – angefangen vom kindertauglichen ‘All I Want For Christmas Is My Two Front Teeth’ über ‘Let It Snow’ bis hin zum erwachsenentauglichen ‘Merry Christmas Baby’ – von dem Christina Aguilera zusammen mit Dr. John übrigens meine Absolute Lieblingsversion eingespielt hat.

- Irgendwann hat man mal eingeführt, das der Anfang des Dezembers als ‘Adventszeit’ galt. Das begann meist am letzten Sonntag im November mit dem ersten Advent, ab dem 1.12. gab es dann Adventskalender, und nach dem vierten Advent gipfelte das ganze dann am 24. Dezember im Heiligabend. Dem Fest der Ruhe und der Liebe, an dem sich auch wirklich jede Familie aufs heftigste in den Haaren lag – was aber nichts machte, da man in den beiden Tagen danach trotz der Pflichtbesuche bei den Verwandten meistens noch genug Zeit fand, um sich bestens zu langweilen entpannen. Aber zurück zur Adventszeit: Diese zusammen mit Familie oder Freunden in aller Ruhe und mit leckerem Gebäck und warmen Getränken am heimischen Kamin zu verbringen ist auch heute noch Ziel der meisten Leute. Da macht einem aber spätestens der örtliche Supermarkt einen Strich durch die Rechnung – sofern man nicht abgebrühter Weihnachtsprofi ist und eine perfekte Vorratspolitik entwickelt hat. Denn die Supermärkte kriegen ihre EINZIGE Weihnachtskram-Lieferung irgendwann im September. Nun bestellen die Supermärkte aber nur genau so viel, wie sie bis Weihnachten auch sicher verkaufen können, denn nur dann ist es wirtschaftlich – danach wird es nur noch zu unrentablen Dumpingpreisen abgenommen. Und damit die Rechnung auch sicherlich aufgeht, stehen spätestens Anfang Oktober alle nur erdenklichen Weihnachtswaren auf Paletten mitten im Gang. Von Schokonikoläusen über Christstollen und Dominosteine bis hin zu Lebkuchen und Spekulatius. Das wiederum hat zur Folge, dass die Leute das Zeug schon dann kaufen – schließlich schmeckt es lecker und jetzt ist es dazu auch noch frisch. Das die Paletten von Jahr zu Jahr früher leer sind, scheint mir jedoch ein Phänomen zu sein. Denn letztes Jahr hatte der damalige Supermarkt meines Vertrauens ab Mitte Dezember keine Lebkuchen mehr – was ich jetzt einfach mal als Maßstab ansetze. Dieses Jahr hatte stand ich schon am 1. Dezember vor leeren Regalen – die Paletten waren schon seit Anfang November weg. Und das nicht nur in meinem Standart-Supermakt, sondern in allen, bei denen die Lebkuchen halbwegs essbar sind. Dominosteine und Spekulatius waren übrigens schon früher leer und seit ca. einer Woche liegen ausschließlich noch ein paar unappetitliche Christstollen in einem Regal neben der Kasse. Abgesehen davon ist Weihnachten vorbei. Wie will man da zu Hause vorweihnachtliche Stimmung aufkommen lassen, wenn man keine Vorräte gehortet hat, selbst nicht Backen kann oder will und auch mit sonstigen Weihnachtsartikeln komplett auf dem Trockenen sitzt.

- Ein Weihnachtsmarkt ist theoretisch ein weihnachtlicher – also mit Tannen, Lichtern, etc. geschmückter – Markt, auf dem Handwerker aus der näheren und weiteren Umgebung ihre Waren feilbieten. Außerdem gibt es noch was zu essen. Das bedeutet: Gebäck, Glühwein, etwas Herzhaftes, Spielsachen aus dem Fichtelgebirge, mundgeblasene Vasen aus dem HOdenwald, ‘wunderschöne’ Staubfänger Figuren aus dem Erzgebirge und Schmuck aus dem Harz. Das ganze besucht man alleine oder mit Freunden um sich zu entspannen, in aller Ruhe nach Weihnachtsgeschenken zu schauen und gemütlich und in Gesellschaft einen Glühwein zu trinken. Findige Leser haben den Unterschied zwischen dieser Theorie und der Realität schon längst gefunden, für alle anderen formuliere ich es auch gerne aus. Es gibt all das wirklich. Die Stände sind Hütten, ‘Made in Canada’ und werden per Frachter importiert, von der Stadt gekauft und zu horrenden Preisen an die Standbetreiber vermietet. Hinter der Hütte des pfälzer Winzers mit dem Glühwein steht kistenweise Glühwein mit ALDI-Label. Die Spielsachen aus dem Fichtelgebirge sind mit Aufklebern versehen, auf denen ‘Made in Taiwan’ steht – aber das bezieht sich bestimmt nur auf den Aufkleber. Der Schmuck aus dem Harz ist zum Teil deutschlandweit identisch, es handelt sich um gegossene Drachenringe und sonstige Amulette, daneben der obligatorische Bonbonstand mit den legendären leckeren Glühweinbonbons – auch deutschlandweit identisch. Zu den Vasen und Ihrer Herkunft sag ich jetzt nix, aber wenn man sie sich anschaut, glaubt man das H wieder schreiben zu müssen… Nun zur Situation vor den Ständen. Mit Ruhe ist es hier nicht so weit her. Es herrscht eine unglaubliche Hektik, Menschen drängeln und quetschen sich wild durcheinander. Zwischendrin eine Frau mit zwei Riesigen Tüten mit Playmobilkisten, mit denen sie überall aneckt und dafür ständig angemotzt wird. Dazu dröhnt aus unzähligen Lautsprechern Weihnachtsmusik im Kaufhausstil, die alles andere als festlich klingt. Das dort keine Weihnachtsstimmung aufkommt, darf daher nicht weiter wundern. Also hilft nur eins: Aus der Not eine Tugend machen und das ruhig bleiben üben – denn wie gesagt – spätestens am Heiligabend beim Familienstreit kann man die Fähigkeit ruhig zu bleiben sicherlich brauchen.

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